P: Wir beschäftigen uns mit der Chorchronik. Monika sagte mir, als wir in der Kneipe saßen und gefragt haben, wo kommt eigentlich der Name her, die Namensgeberin sei Vera. Irgendwann hatte ich Martin H.davon erzählt und er sagte: Vera, die kenne ich doch, ich frag die mal…

 

V: Den habe ich in Leverkusen wiedergetroffen. Klar, aus der Zeit kennen wir uns. Der war ja zur gleichen Zeit im Chor. Die wohnten in einer Wohngemeinschaft und Uli Burger war Chorleiter. Wir hatten mal zusammen ein Wochenende in der Eifel, da haben wir dann überlegt, wie man den Chor nennen könnte.

 

P: Was für ein Wochenende habt Ihr da gehabt?

 

V: Einfach so ein Sing-, Musizier-, Zusammensein-Wochenende.

 

P: Warst du denn bei der Gründung auch schon dabei?

 

V: Bei der Gründung nicht, kurze Zeit später.

 

P: Der Chor ist gegründet worden am Geburtstag von Uli Burger, im September 1981, in der Domstraße.

 

V: Ja, dann war ich vielleicht ein Jahr später dabei. Jedenfalls am Anfang, da hatten wir keinen Namen und in diesem Haus in der Eifel haben wir zusammen gesessen, getrunken, gesungen, wie das dann eben so ist und dann bin ich auf die Idee gekommen, Unerhört, weil ich dachte das muss irgendwas mit Hören sein, es sollte möglichst etwas Zweideutiges sein, so ein bisschen Wortspiel und da fiel mir das einfach so ein.

 

P: Gab es auch noch andere Vorschläge, damals?

 

V: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

M: Waren denn da Friedhelm und Monika dabei?

 

V: Und ihr Mann, der jetzt nicht mehr dabei ist.

 

P: Friedhelm und Monika sind die beiden einzigen, die jetzt noch im Chor sind von den Gründungsmit-gliedern... Wieviele Leute wart Ihr damals, bei dem Wochenende?

 

V: Ich würde mal sagen, so 15 vielleicht,

können auch ein bisschen weniger gewesen sein.

 

M: Waren das jetzt alle aus dem Chor,

wart Ihr nur 15 im Chor?

 

V: Ja, ja, ich glaube wir waren nicht viel mehr.

Es war ein relativ kleiner Chor.

Wir haben dann immer in der Feuerwache geprobt,

in der Alten Feuerwache, …

 

P: … in dem Turm!

 

 

V: Der Uli, der hatte ja auch noch so einen sozialkritischen Anspruch. Wir waren ja alle noch relativ jung, so unter 30 und wollten ja dann doch dass die Welt ein bisschen anders aussieht, als sie aussieht und die Lieder waren dann auch entsprechend, dann gab es z.B. so Lieder: „Es hat der Tod…“

 

M (fängt an zu singen:) „Es hat der Tod ein bleich Gesicht...“

 

V (singt weiter): „...und trinkt Champagnerwein. Sein Haus ist groß und fensterlos, du siehst ihm nicht hinein. Du kriegst ihn nicht ans Telefon, es kommt der Prokurist, weil er zur Winterblumenzeit, wenn’s grau in unsren Städten schneit, wohl in St. Moritz ist, wohl in St. Moritz ist.“

 

P: Jetzt überleg mal, über 25 Jahre ist das her!

 

V: Oder, sehr schönes Weinlied, das ich immer noch ab und zu singe – wo wir gerade bei Wein sind. Ich glaube, das ist so ein mittelalterliches, französisches ...

 

P: Tourdion!

 

V: fängt an zu singen: «Quand je bois le vin clairet, ami tout tourne, tourne, tourne, tourne, aussi désormais je bois Anjou ou Arbois...»

 

M und P setzen mit den Bassstimmen dazu ein und V singt weiter ihre Stimme...

P: Normalerweise fangen wir mit dem Bass an. Hast du Sopran gesungen?

 

V: Mmh!

 

P: Klar, hört man ja direkt.

 

V: Tja… (lacht) ... Aber wir hatten auch California Dreaming, das haben wir auch gesungen.

 

P: Mit Uli Burger schon?

 

V: Ja! (Fängt an zu singen:) "All the leaves are brown…”, lacht.

 

P: Und wie bist du da rein gekommen, in den Chor?

 

V: Wie bin ich da rein gekommen? Ich glaube, in der Nachbarschaft wohnte eine Studentin – ich weiss gar nicht, woher ich die kannte. Ich glaube, die studierte etwas anderes als ich. Ich weiß nicht mehr, wie die hieß, so ein bisschen kräftiger, mit roten, lockigen Haaren. Die wohnte in Ehrenfeld und die hat mir, glaube ich, von dem Chor erzählt. Ich weiß aber nicht mehr, woher ich sie kannte, aus der Uni, vielleicht studierte sie auch Geschichte...

 

P: Wie lief das ab, damals bei den Chorproben mit Uli Burger?

 

V: Also, der Uli Burger, der war ja eher so ein etwas ernster Typ. Das lief schon diszipliniert ab. Man kam in die Feuerwache, dann wurden erst mal Atemübungen gemacht.

 

P: Einsingen!

 

V: Ja, Einsingen, und das war jetzt nicht so ein Typ, der gerne Späßchen machte. Der hat das wirklich sehr ernsthaft betrieben. Aber, ich fand das gut. Ich glaube wir haben immer so 1 ½ h gesungen. Dann gab’s ja in der Feuerwache auch so ne Kneipe.

 

M: Ja, da war so eine Selbstversorgerkneipe, hätte ich beinahe gesagt.

 

V: Ja, und dann ging man halt dahin, wenn man Lust hatte, oder auch nicht, wobei der Uli jetzt nicht so ne Partykanone war. Das war jetzt nicht jemand, der da fröhlich mit feierte. Der war eher so verhalten, hat ernsthaft die Stücke mit uns eingeübt, mir gefiel das.

 

P: Habt Ihr auch Auftritte gemacht?

 

V: Ich erinnere mich eigentlich an 3 Sachen. Das eine war im Feez, da haben wir diese Hochzeitsfeier mitgemacht, dann im Sprössling und im Stadtwald sind wir aufgetreten, an der Dürener Str. Ein Umweltfest oder so, Freiluftauftritt.

 

M: Weshalb hat denn der Uli Burger aufgehört?

 

V: Weiß ich nicht. Zu dem Zeitpunkt, als ich wegging, war der ja noch da. Aber ich meine, das hätte sich da schon abgezeichnet, dass der auch viele anders Sachen zu tun hatte…

 

P: Du hast von einem Wochenende in der Eifel erzählt. War das schon die Regel, damals?

 

V: Das war das einzige Wochenende, zu dem ich mit war. Und so habe ich mich da eigentlich auch wohl gefühlt, obwohl wir da eng zusammen waren, oben unterm Dach, in Schlafsäcken schliefen, 5 oder 6 oder 7 Leute…

 

P: Auf dem Matratzenlager, wie in einer Skihütte!

 

V: Ja genau, das war für mich sehr ungewöhnlich. Aber, ich habe mich wohl gefühlt, erstaunlicherweise, obwohl ich auch schon die größten Bedenken hatte. Ich lebte auch zu diesem Zeitpunkt alleine in so einer kleinen Wohnung und dachte: Mein Gott, ob ich das aushalte, so viele Menschen, länger als 24 Stunden? Aber es war nett. Ich meine, wir hätten auch ein Feuer gemacht, abends. Es war, glaube ich, relativ kalt. Ich meine, es hätte sogar Schnee gelegen. Es war eher im Winter.

 

M: Jetzt haben wir ja komfortable Einzelzimmer.

 

V: Macht Ihr auch solche Wochenenden?

 

M: Ja, ein bis zweimal pro Jahr.

P: Das hat sich so gehalten. Das ist für mich, so wie ich den Chor erlebt habe, immer etwas

Besonderes gewesen, die Gemeinschaft. Das war für mich schon etwas ganz Besonderes, so eine Gruppe, in der ein Grundverständnis da war. Wenn ich dich so erzählen höre, obwohl das ja weit davor war: Die Fundamente werden offenbar früh gelegt und das scheint ja da auch schon so gewesen zu sein, dass da schon Leute zusammen gekommen sind, bei denen eine Wellenlänge da gewesen ist. Das ist schon interessant.

 

V: Ich weiß gar nicht, ob die Menschen außerhalb des Singens sich so getroffen hätten, miteinander sich angefreundet hätten. Ich glaube, die hatten halt alle ganz einfach Spaß am Singen und das andere ist dann ganz einfach in den Hintergrund getreten.

 

P: Vielleicht sind sie außerhalb des Chores, in anderen Zusammenhängen ganz anders, wie so ein

Biotop, wo du dann ganz instinktiv andere Verhaltensweisen akzeptierst.

M: Ja, es gab ja schon Gruppen, Ludger und Renilde waren mit Monika und Thomas eng verbandelt. Ich

weiß nicht, waren die denn Gründungsmitglieder?

 

V: Ich meine, die waren ziemlich lange schon dabei. Die waren jedenfalls schon vor mir im Chor.

 

P: Gab’s denn viele Paare?

 

V: Nein, ich meine sogar, das wäre das einzige Paar gewesen, zu dem Zeitpunkt.

 

P: Kinder noch gar nicht?

 

V: Nee.   ...

 

M: Hast du denn vor dem Chor schon einmal gesungen?

 

V: Als Kind war ich einmal kurz in einem Kinderchor. Ich habe immer gerne so für mich gesungen, am Fenster gestanden, gesummt und gesungen, aber nie längere Zeit im Chor. Wie gesagt, das hängt damit zusammen, dass ich mich nicht so lange in Gruppen aufhalte, normalerweise. Aber, das hat mir da gefallen, das war nett.

 

P: Wo kommt das her, die Liebe zum Singen, von deinen Eltern, haben die einen besonderen Bezug zu

    Musik?

 

V: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, meine Oma, die Mutter meines Vaters, die hat immer gerne gesungen. Die summte immer so vor sich hin.Ich glaube, von der habe ich das übernommen. Wenn es mir ganz schlecht geht, dann singe ich so vor mich hin...

 

P: Wie bist du denn darauf gekommen, aus dem Chor rauszugehn? Hat dir etwas gefehlt?

 

V: Ich bin für ein paar Monate in die USA. Als ich dann zurückkam, hatte ich dann einen Job, dann hatte ich einen neuen Freund. Dann hat sich das so verlaufen. Ich hatte ursprünglich vor gehabt, wieder zurück zu gehen, in den Chor…

 

P: Dann wären wir uns ja beinahe schon begegnet. - In der kurzen Zeit, die du im Chor warst, gab’s denn                         

da auch Diskussionen ums Programm?

 

V: Ich kann mich nicht erinnern.

 

P: Wer hat denn die Stücke ausgesucht?

 

V: Ich meine, der Uli. Der hat uns Lieder vorgeschlagen und so weit ich mich erinnern kann, fanden wir das alle in Ordnung.

 

P: Was war dein Lieblingsstück im Chor?

 

V: Ja, es waren schon eher diese getragenen Sachen. Obwohl, ich fand auch California Dreaming nett. Das haben wir auch nett gesungen.

 

P: Es war aber nicht dein Lieblingsstück!

 

V: Nee, z.B. dieses Weinstück fand ich ganz nett, Tourdion. Wird es heute noch im Chor gesungen?

 

M: Ja!

P: Ich finde das jetzt schon spannend. Ich finde toll, dass wir uns darüber unterhalten können, über die

Wurzeln, dass wir beide dich gar nicht kennen, aus dem Chor, aber es gibt da ein Band, es liegen Leute

dazwischen…

 

 

Wie der Chor UNERHÖRT wurde

Interview mit Vera (Auszüge)

Interviewer: Martin (P) und Michael (M), Mai 2009