Chorgeschichten

"So kam ich zu den Unerhörten“

Friedhelm (1981):

Ich muss nach meiner Erinnerung im Jahr 1981 zum Chor gestoßen sein, der damals noch keinen Namen hatte. Geprobt wurde in der alten Feuerwache, im Steigeturm und animiert hierzu hat mich Beate Lerch, die ich  gemeinsam mit Marina im Rahmen eines individualpsychologischen Selbsterfahrungsseminars kennen gelernt

hatte. Beide gehörten dem Chor bereits an und Beate lud mich ein, mitzukommen. Ich bin übrigens  speziell des  Singens wegen mitgekommen, nicht zufällig, weil ich eigentlich etwas anderes vorhatte.  Zu Michael fällt mir ein, dass ich ihn kurze Zeit später über eine gemeinsame Freundin außerhalb des Chores kennen lernte und

ihm vorschlug, doch bei uns mitzusingen. Er lehnte jedoch ab, mit der Begründung, politische Arbeit sei ihm viel wichtiger als im Chor zu singen – er beabsichtige,lieber bei den Grünen einzutreten.

 

Eddi (1984):

Ich bekam im Dezember 1984 einen Anruf: Da wäre ein Chor, der suchte einen neuen  Chorleiter, und ich hätte doch irgendwas mit Musik zu tun ... Ich war völlig überrascht,  weil  mit Chören hatte ich bisher wenig am Hut. Schön, ich hatte 3 Semester Chorleitung gemacht im Musikstudium und ich sang gerne - aber einen Chor leiten? Auf diesen Gedanken wäre ich im Leben nicht gekommen! Aber neugierig war ich ja doch, und so ging  ich zum "Probe-dirigieren" in einen finsteren, übel nach Hundefutter riechenden

Raum hinter der alten Feuerwachen-Kneipe, unter dem Arm "Michelle" von den Beatles. Leider 4-stimmig, was sich  als Problem erwies.  Die Leute waren freundlich zu mir, das Bier hinterher war lecker und ich dachte: Et hätt noch immer jot jejange! - obwohl "Michelle"  ziemlich schnell wieder in der Kiste verschwand. 

  Mein Anfangserfolg war beachtlich: Schon nach einem halben Jahr hatten sich ca. 80% des Restchores leise verabschiedet, nicht ohne mir vorher noch die "Brücke über den Main" wegen frauenfeindlicher Passagen basisdemokratisch aus dem Programm zu schmeißen. Die wenigen, die durchhielten, sprachen mir Mut zu, zum Glück kamen jetzt auch, peu a peu, immer mal wieder neue Leute vorbei,  manche blieben sogar und brachten wieder andere mit, bis wir ein paar Jahre später für lange Zeit bei 40 Leuten stabil blieben...

Hein (1985):

Wie wir in Kronenburg festgestellt haben, bin ich die amtierende Nummer Neun im Chor - was die Eintrittsdaten betrifft: Mai/ Juni 1985. Ich kam durch Uschi in den Chor, obwohl Uschi zu dem Zeitpunkt noch gar nicht im Chor war. Und das war so: Uschi kannte ich über ihre Arbeit in der Beratungsstelle der AWO in Leverkusen-Opladen. An den Aktivitäten der AWO hatte übrigens zu jener Zeit auch eine gewisse Trixi Anteil, die jedoch erst viel später als Beatrix die Kurve zum Chor kriegte. Uschi war mit Corinna befreundet, und Corinna war damals im Chor.  Mit Uschi hatte ich häufiger schon darüber parliert,  dass wir beide gerne in einem Chor singen täten...

 

   Jedenfalls teilte mir Uschi irgendwann im Frühjahr 1984 mit,  dass es da irgend so einen  Chor gäbe, der in der Alten Feuerwache probte. Die Feuerwache kannte ich gut, denn ich hatte dort zu jener Zeit als Figurentheaterspieler gemeinsam mit Dieter Baum einen Proberaum.

  Ich habe dann eines Montags mal ein bisschen länger gearbeitet ... und bin des Abends um 20.00 gleich nach gegenüber in den Turmsaal gegangen, wo sich etwa 12 - 15 Menschen einfanden, die sehr mit sich beschäftigt waren außer einem, dessen Namen ich nicht erinnere, der aber Physiker war und sich mit schwarzen Löchern beschäftigte und einem weiteren, der Eddi hieß und sich freundlich als der Chorleiter vorstellte. Er freute sich, dass ich Tenor singe (in den Bass wechselte ich ja erst nach dem 10-Jahres-Jubiläum), bei einigen der folgenden Proben war ich denn auch der einzige. Das Repertoire meiner ersten Chorprobe: "Michelle", die keine Gegenliebe fand, "die Herren Generale" - hier waren alle ehrlich und inbrünstig dabei, und bei der Begegnung mit der Küchenschabe namens "Cucaracha" versuchten wir konzentriert, uns in karibischer Rhythmik zu üben. 

  Nach der Probe sagte Eddi, dass "wir nachher immer in die Kneipe gehen". Leider konnte ich seine Einladung an jenem Abend nicht annehmen, da ich für anschließend ja noch mit Uschi verabredet war, die eigentlich auch zu jener Probe schon hätte mitkommen wollen, aber zur Probenzeit anderes  vorhatte. Ich kann mich gut daran erinnern - wir trafen uns in einem Straßenrestaurant am Eigelstein -, dass ich Uschi dann ganz begeistert von der Probe erzählt habe. - Und am nächsten Montag kam Uschi dann durch mich in den Chor...  cu-cu-cucu-ca, cu-ca-ra-cha...

 

Martäng (1987):

Ich kam Frühjahr 87 in den Chor. Da war ich kurze Zeit vorher mitten in die Stadt gezogen, ins Agnesviertel. Eines Abends lief ich an der Feuerwache vorbei und hörte von weitem nasale Klänge, ganz im Stil der mir vertrauten, französischen Bordunmusik. Es war „cielo incantato“... Die Nasal-Klänge haben mich magisch angezogen. Ich ging dann in die Kneipe der Feuerwache und habe gefragt: Wer singt denn da eigentlich? - Das ist irgend so ein Chor, die singen hier immer montags! - Kann ich da mitsingen? - Frag doch mal ! 

  Schnell hatte ich rausgefunden, dass der Chor jeden Montagabend von 8-10 Uhr probt. Eine  Woche später, montags abends um 10 Uhr, stand ich dann vor der Tür. Da wurde anschließend  noch nicht so viel besprochen und durchdiskutiert. Tatsächlich strömten die Leute schon um 10 Uhr ins Freie. Ich bin dann einfach zum Chorleiter hin gegangen und habe gefragt, ob ich mitsingen kann. Und der hat dann einfach nur gesagt: Dann komm nächste Woche um 8!

  So einfach war das damals noch, locker und zufällig. Heute gibt es lange Wartelisten und es ist nicht einfach, in den Chor zu gelangen... Das Vorsingen blieb mir zum Glück erspart. Als ich in den Chor kam, kannte ich zunächst keinen und konnte  auch gar nicht nach Noten singen. Zum Glück half mir imBass am Anfang Heribert. Es war nicht leicht, aus den mysteriösen Notengebilden eine Bass-Stimme zu erahnen ...

 

Klaus ter Horst (1987):

Ich will nicht bei Adam und Eva anfangen, sondern bei meinem Großvater. Er trug schon früh eine  Vollglatze, wodurch die großen, abstehenden Ohren umso deutlicher hervortraten. Vielleicht waren es diese Ohren, die ihn so aufmerksam hören und so eindrucksvoll  singen ließen. Jedenfalls überließ ihm der Kirchenchor Sankt Lamberti in Gladbeck gern die Solopartien. Eine Mozartmesse, in der er  mitsang, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Feierte die Großfamilie einen Namens-tag, war es der Großvater, der das erste Lied anstimmte. Alle sangen mit und keiner wollte aufhören. Wenn  ich heute singe: Mein Großvater ist dabei.    

Im Frühjahr 1987, verdammt lang her, las ich in der ZEIT eine kleine Anzeige, die mit„Chorgesang in Südtirol“ in die Berge lockte,wo ich

auf nette Menschen unter der Leitung von Christian Bollmann traf. Auf einer  Wiese vor einem renovierten Bergbauernhof sangen wir bei ununterbrochen sonnigem Wetter so inbrünstig ins Etschtal hinunter, dass nicht nur die herbei fliegenden Vogel,  sondern auch die umhergrasenden Kühe all ihre stimmlichen Möglichkeiten nutzten, uns zu begleiten. Zurück in Köln gab´s nur ein: Ich musste dauerhaft in einen Chor. Christian Bollmann trat mit seinem Obertonchor in der Trinitatiskirche auf. Ich war natürlich da. In der Pause deutete er auf einen netten Menschen, der 10 Reihen vor mir in der Bank saß. Der nette Mensch war Eddi, ich fragte ihn, ob ich in seinen Chor kommen könne, und schon war ich drin.

  Es war ein schöner Herbsttag, als ich in den Innenhof der Alten Feuerwache kam, den Chor suchte, ein paar nette Frauen mit Notenblättern fand, die ich kaum lesen konnte und vage die Sorge entstehen ließ, ob ich diesen Noten wohl gewachsen sei. Als ich den Proberaum unterm Dach betrat, nahm mich kaum jemand wahr. Ich stellte mich zu den wenigen Männern. Einer fragte mich, welche Stimme ich sänge, ich sagte, wo ihr knapp seid, worauf ich im Tenor landete. Dort war nur Ludger, denn Hein und Friedhelm reisten gerade durch den Jemen. Wir sangen „Levanta te“ und „Tiempo de vivir“, viel Kopfstimme. Ludger nahm meine Stimmbänder behutsam bei der Hand, so dass ich allmählich Zutrauen zu meinen Tönen fand. Ja, und nun bin ich über 19 Jahre im Chor Unerhört und freue mich.

Carla (1996):

Meine Freundin Anita war mit mir in einem Elternchor in der Grundschule unserer Kinder.  Als sich dieser auflöste, ist sie in den Chor Unerhört eingetreten und hat mir auch davon erzählt. Ich glaube, der Chor hat mich aus ihrenErzählungen als sehr professionell beeindruckt, sodass ich gar nicht auf die Idee kam, mich auch anzumelden. So habe ich nur begleitend viele Chorauftritte und Aktionen miterlebt. Natürlich war ich auch neidisch, auf die privaten Feste als Randerscheinung des Chorlebens. Das erste Treffen mit den Berlinern habe ich noch durch Anitas Erzählungen im Kopf.  Als ich mich endlich zum Eintritt entschieden habe, gab es die besagte Chor-Warteliste und so wurde mein Elan zunächst gebremst. Es dauerte dann auch noch recht lang, bis sie mir sagte, dass ich die nächste sei. Es muss dann im November 1996 gewesen sein.  Viele Lieder kannte ich von Anita, die sie bei unseren damaligen „Frühstückstreffen“ oft mit der ganzen Familie gesungen hat. Dadurch habe ich mich am Anfang nicht ganz so hilflos gefühlt. Es beruhigte mich, dass viele nach Gehör sangen und doch keine Profis waren.

 

Birgit (2007):

Immer mal wieder werde ich von ehemaligen Unerhörten gefragt, ob ich auch zu den „Neuen“ gehöre. Bin ich neu? Meine fünfte Weihnachtsfeier nähert sich. Relativ betrachtet hat sich nun doch recht schnell das Verhältnis alter zu neuen Unerhörten verschoben und das ist auch gut so. Unerhört Willige haben die Chance, die festen Strukturen ein wenig zu lockern. Für „Neue“ die Chance, sich schneller in die Gemeinschaft zu integrieren, wenn sie nicht schon vorher   

vernetzt waren.

  Wie ich zum Chor kam? Aus Motivation am Singen. Schon als Dreijährige hing ich ständig an den Musikboxen der Stereoanlage meines Vaters und trällerte „Petit Papa Noel“.  In unserer Familie gab es ständig Musik – vom Klavier, Spinett über Harmonium, welches mein Opa (Baptist) sonntäglich inbrünstig mit Kirchenliedern malträtierte – bis hin zur Hammond-Orgel, auf der mein Vater (Atheist) Jazz-Standards spielte. Flöten, Akkordeon, Gitarren, Geige, Klarinette und Cello….

   Warum hat es Unerhört getroffen? Mein Anspruch an das Chor-Repertoire hat sich erst in zweiter Instanz ergeben. Zunächst surfte ich ein wenig im Internet und suchte Chöre im Kölner Süden. Schnell erreichbar für mich. Es sollte kein konservativer, biederer Chor sein, mit Chornoten in der Hand ordentlich aufgereiht auf der Bühne stehend. Unerhört kam im „Inter-nett-rüber“, locker und mit einem etwas ungewöhnlicheren Repertoire sowie Konzerten für Unicef und Haiti. Auch gefiel mir das unterhaltsame Potpourri aus eigenen Arrangements mittelalterlicher Gedichte oder Vertontem von Brecht oder Heine (oder war es Hesse?) mit einfachen, leisen Weisen und im Kontrast dazu  laute aufmüpfig-schwungvolle Titel sozialkritischer Liedermacher. Da sind wir heute ein wenig weg von…

  Eddi war übrigens auch der erste Chorleiter, der sich „spontan“ bei mir meldete. Bereits nach vier Jahren! Warum hatte ich so lange gewartet? Damals spielte ich nur mit dem Gedanken, im Chor zu singen. Ich war durchgetaktet bis zum Limit und hatte keine Zeit mehr für irgendwelche weiteren fixen Termine. Ich war weder nachhaltig interessiert noch gründlich hinterher. Singen konnte ich ja auch in der Badewanne, im Auto oder im Wald. Das gehörte schon immer zu meinen Leidenschaften. Nur fehlt mir dann die Gemeinschaft.

  Warum Eddi sich nach vier Jahren gemeldet hatte? Ob er nach dem Chor-Crash die Warteliste abtelefonierte? Wie auch immer. Der Zeitpunkt passte exakt und  war etwas seltsam. Nach so  langer Wartezeit. Ich überlegte, noch einmal Kontakt zu Chören aufzunehmen und eine Woche später rief Eddi an. Ich verkniff mir die Anspielung auf meine inzwischen brüchige Stimme. Vielleicht fiel deswegen die kurze Stimmprobe so gnädig aus. Es folgte eine lange Geduldsprobe mit einem für mich sehr anstrengenden Repertoire für das „halb-irische-halb-querbeet-Konzert“; nur  einige Monate später. Damals hat mir Uschi sehr geholfen. Ich habe sie insgeheim als meine „Tutorin“ betrachtet.

   Meine Schnupperphase ist nun beendet. Aktuell fühle ich mich sehr wohl mit den Unerhörten und ein Montag ohne Chorprobe erscheint mir wie ein Frühling ohne Mai.